Kleine Herbstfahrt zum Hücker Moor

 

Eigentlich ist ja das Hücker Moor, dieser größte See unseres Kreises Herford, besser ein Ziel für eine Fahrt in den leuchtenden Frühling hinein. Aber warum soll man nicht einmal dorthin fahren in den Tagen, in denen Sommer und Herbst miteinander ringen? Aber ganz beiläufig gefragt: Wieviel Herforder kennen überhaupt das Hücker Moor? Ich glaube fast, daß das Steinhuder Meer oder der Dümmer See bekannter sind als der heimatliche Moorsee. Man weiß ja: was „nicht weit her“ ist, taugt auch nicht viel! Das mußte einmal untersucht werden, und darum ging’s eines Tages zum Hücker Moor.

Hücker-Moor-alt-8Zeitungsausschnitt vom 09.11.1888
Quelle: Buch “So war es in Spenge   Anno dazumal”
© August Wehrenbrecht

 

Hinaus aus Herford, hinein nach Enger. Ach, du liebe Güte! Dort ist das Pflaster immer noch fast prähistorisch. Die glatte Straße nach Dreyen bietet eine schöne Entschädigung für diese Qual. Auf der Höhe ein kurzer Halt. Hier liegt der neue Friedhof, bei aller Schlichtheit doch von starker Eindringlichkeit.

Hücker-Kreuz. Hier geht es rechts herum nach Aschen und zum Hücker Moor. Die Straße fällt steil ins Tal der Warmenau hinab, und schon ist das erste Schild da: Zum Hücker Moor.

Hücker-Moor-alt-4Mädchen am Hücker Moor. Um 1916
Quelle: Buch “So war es in Spenge   Anno dazumal”
© August Wehrenbrecht

 

Man fährt zuerst dich neben einem Moorgraben hin zu einem hellen Bau an der Nordostecke des Moores. Es ist das neue Kurhaus. Ich gehe um das stolze Haus herum. Und schüttele den Kopf. Wie kommt es hierher? Hat es sich verlaufen, sollte es vielleicht in einem Bad wie Salzuflen erstehen? Herrlich-gemütliche Einrichtungen drinnen, eine weite offene Terrasse zum Moor hin. Wer hätte ein solches Haus am Hücker Moor erwartet? Ein Sonntagnachmittag in dieser Landschaft würde wahre Entspannung bringen.

Hücker-Moor-alt-7Anzeige im “Engerschen Anzeiger” vom 16.01.1932
Quelle: Buch “So war es in Spenge   Anno dazumal”
© August Wehrenbrecht

 

Da das Kurhaus nicht direkt am Moor liegt, sondern nur durch einen Stichkanal mit ihm verbunden ist, heißt es den Moor-See von einer anderen Ecke zu fassen.

„Kahnvermietung“ – sagt dort ein Schild. Schon bin ich da. Fischernetze wehen am Hause wie Schleier im Winde. Ein gerader Weg durch verwirrendes Sumpfgebüsch – wie herrlich muß dieser Laubengang im keimenden Frühling sein! – führt hinunter zum Moor, zum blitzenden See.

Das ist also das Hücker Moor! Der blaue Himmel färbt es hell, die weißen Wattewolken gleiten wie stille Schiffe über den glänzenden Spiegel, in dem sich von allen Seiten die Bäume betrachten.

Dort drüben rudern zwei Schwäne. Oft tauchen sie und gründeln. Dann steht der Achterteil wie eine etwas spitze, aber dennoch wohlgeformte Pyramide steil in die Luft. Es muß sehr viel Interessantes oder Nahrhaftes auf dem flachen Seegrund zu finden sein.

Hücker-Moor-alt-5Picknick am Hücker Moor. Um 1905.
Quelle: Buch “So war es in Spenge   Anno dazumal”
© August Wehrenbrecht

 

Ein kleines Mädchen mit blonden Hängezöpfen kommt von einer kleinen Bucht her. Es fängt von selbst an zu erzählen: „Es sind hier viel Fische drin, die werden gefangen. Aber vor zwei Jahren, da sind wir mit einem richtigen Wagen und Pferden davor zum Futter holen über den ganzen See gefahren, dort hinten hin!“

Die Kleine weist über den See auf einen kleinen Hof, der durch die Stämme des Waldes sichtbar ist. Dann zeigt sie auf die Länge ihres Unterarmes und fügt mit Nachdruck hinzu: „So dick war das Eis, darum brauchten wir keine Angst zu haben. Und wir hatten auch gar keine!“

Prüfend guckt sie mich an: „Aber rudern kannst du nicht, es ist gerade keiner da bei den Booten.“ Dann lacht sie und läuft flugs wie ein Wirbelwind über den schwarzen morastigen und federnden Boden davon. Ja, richtig, dort in der Bucht leuchten bunte Boote herüber. Ich gehe hin. Da liegen sie, die an schönen Tagen schon so viele über den See trugen. Paddelboote, Ruderboote und auch ein gewichtiges plumpes Familienboot. Bunt ist ihr Anstrich, und freundlich sind ihre Namen. Das „Gretchen“ ist da, die „Ilse“, ein kleiner weißer „Zeisig“.

Hücker-Moor-alt-1Kahnpartie junger Männer, mit dem Boot “Auf nach Helgoland”,
auf dem Hücker Moor. Um 1916
Quelle: Buch “So war es in Spenge Anno dazumal”
© August Wehrenbrecht

 

Ein paar Enten rudern vorüber. Aufgeregt erzählen sie sich etwas. Ich kann es nicht verstehen, höre nur immer: „naht, naht naht!“ Aber was wissen wir Menschen von der Entensprache?

Hücker-Moor-alt-6Segelboot “Zeppelin I” auf dem Hücker Moor. Um 1910
Quelle: Buch “So war es in Spenge   Anno dazumal”
© August Wehrenbrecht

 

Noch ein Blick gilt dem See. Wie lang er wohl sein mag bis dort drüben, wo der Wald ihn spärlich säumt, wie Felder und Wiesen zur Höhe emporsteigen? Vielleicht fehlt nicht viel an einem Kilometer, man kann sich jedenfalls ganz gut auf ihm tummeln. Im Sommer mit dem Paddelboot, im harten Winter aber auf blitzenden Stahlschuhen über matt blinkende Flächen.

Ein paar Krähen rudern schwerfällig in der Höhe dahin und rufen den Winter herbei. Die Schwäne aber forschen emsig auf dem Grunde weiter. Aus einer Bucht gleitet ein schwarzer Kahn hervor, gelassen rudert ihn ein Mann zum anderen Ufer.

Hücker-Moor-alt-2Ausflug mit Musik zum Hücker Moor. Um 1920
Quelle: Buch “So war es in Spenge   Anno dazumal”
© August Wehrenbrecht

 

Wer den Frieden sehen will, mag ihn hier sehen. Alles ist Ruhe, Versonnenheit, Weltabgewandtheit: Der See, die ihn umlagernden schlanken Birken und dunklen Buchen, die auf eine Saat wartenden braunen Felder dort drüben.

Aus „Neue Westfälische Volkszeitung“ vom 15.09.1935

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